ZF: Milliarden-Deal mit Harman zur Entschuldung und Neuausrichtung
Friedrichshafen. Der angeschlagene Autozulieferer ZF Friedrichshafen verkauft seine Geschäftseinheit für Fahrerassistenzsysteme (ADAS) an den US-amerikanischen Innenraumelektronik-Spezialisten Harman International, eine Tochter des Samsung-Konzerns. Der vereinbarte Unternehmenswert beträgt 1,5 Milliarden Euro. Mit dem Verkauf will ZF seine hohen Schulden deutlich reduzieren und sich stärker auf seine Kernbereiche konzentrieren.
Strategischer Meilenstein für ZF
ZF-Vorstandsvorsitzender Mathias Miedreich spricht von einem „wichtigen Meilenstein in der strategischen Neuausrichtung des Konzerns“. Ziel sei es, Ressourcen künftig auf jene Geschäftsfelder zu bündeln, in denen ZF global führend ist – darunter Fahrwerk, Antrieb, Nutzfahrzeuge und industrielle Anwendungen.
„Mit Harman haben wir den idealen Partner gefunden, um das Wachstums- und Innovationspotenzial unseres ADAS-Geschäfts voll zu entfalten und unseren Mitarbeitern attraktive Entwicklungsperspektiven zu bieten“, so Miedreich.
Umfang der Transaktion: ADAS-Technologien wechseln zu Harman
Im Rahmen der Vereinbarung überträgt ZF sein ADAS-Geschäft mit:
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Compute Solutions
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smarten Kameras
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Radartechnologie
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Fahrerassistenz-Softwarefunktionen
an Harman. Elektronik für Fahrwerktechnik und passive Sicherheitssysteme verbleiben bei ZF. Auch im Nutzfahrzeugbereich setzt der Konzern seine Aktivitäten in Fahrerassistenz und autonomem Fahren fort.
Nach Abschluss der Transaktion werden voraussichtlich 3.750 Mitarbeiter von ZF zu Harman wechseln. Die Geschäftseinheit unterhält Standorte in Deutschland, Polen und den USA, erzielte zuletzt rund zwei Milliarden Euro Umsatz und ist profitabel. Der Abschluss des Deals wird – vorbehaltlich behördlicher Genehmigungen – für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet.
Harman stärkt Position in Automobilelektronik
Durch die Übernahme entsteht bei Harman eine stark nachgefragte Kombination aus Sicherheits-, Assistenz- und Fahrzeuginnenraum-Technologien. Harman-CEO Christian Sobottka bezeichnet die Akquisition als strategischen Schritt hin zu intelligenteren, vernetzten und sichereren Fahrzeugen.
„Wenn Daten aus dem Fahrzeuginnenraum besser mit Assistenzsystemen kombiniert werden, steigt die Fahrsicherheit deutlich“, erklärte Sobottka. Unterhaltungssysteme und Fahrerassistenz würden zunehmend zusammenwachsen und künftig von zentralen Rechnern im Fahrzeug gesteuert.
Der weltweite Markt für In-Dash-Automobilelektronik liege derzeit bei rund 50 Milliarden US-Dollar und könne in den kommenden zehn Jahren auf bis zu 150 Milliarden US-Dollar anwachsen.
Erlös dient Schuldenabbau bei ZF
Für ZF steht vor allem der Schuldenabbau im Fokus. Finanzvorstand Michael Frick erklärte, die Erlöse aus dem Verkauf würden die Finanzverbindlichkeiten signifikant reduzieren. Ende September beliefen sich diese auf rund 10,6 Milliarden Euro.
ZF hatte in den vergangenen Jahren teure Zukäufe getätigt, unter anderem die Übernahmen von TRW und Wabco. Während die Finanzierung in der Niedrigzinsphase günstig war, belasten heute jährliche Zinszahlungen in dreistelliger Millionenhöhe den Konzern und schränken Investitionen in Zukunftstechnologien ein.
Umbau, Stellenabbau und schwieriges Marktumfeld
ZF steckt mitten in einem tiefgreifenden Umbau. Der Konzern leidet unter einer schleppenden Fahrzeugproduktion, zurückhaltenden Aufträgen der Autohersteller und dem langsamen Hochlauf der E-Mobilität. Zuletzt schrieb das Unternehmen Millionenverluste.
Bis Ende 2028 sollen in Deutschland bis zu 14.000 Stellen abgebaut werden. Tausende Arbeitsplätze sind bereits weggefallen, zudem wurden Arbeitszeiten verkürzt.
Fazit
Mit dem Verkauf des ADAS-Geschäfts an Harman setzt ZF einen entscheidenden Schritt, um finanziell wieder stabiler zu werden und den Konzern strategisch zu fokussieren. Während ZF Schulden abbaut und sich auf seine Kernkompetenzen konzentriert, stärkt Harman seine Rolle als weltweit führender Anbieter domänenübergreifender Automobilelektronik.

