TikTok regulieren funktioniert nur mit Aufklärung
Medienexperte Florian Buschmann fordert Begleitung von Kindern und Jugendlichen
Die EU-Kommission nimmt TikTok ins Visier, nachdem Australien Social Media für unter 16-Jährige und Frankreich für unter 15-Jährige eingeschränkt hat. Medienexperte Florian Buschmann, Berater für Mediensucht und Initiator der Initiative OFFLINE HELDEN, begrüßt die Schritte, mahnt aber: Regulierung allein reicht nicht. „Es ist eher eine Minute als fünf vor zwölf, wenn wir verhindern wollen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche in selbstgefährdende Nutzung abrutschen“, so Buschmann.
Seine Einschätzung stützt der 24-Jährige auf langjährige Praxiserfahrungen. Mit den OFFLINE HELDEN hat er bereits über 1.500 Schulveranstaltungen mit mehr als 50.000 Teilnehmenden durchgeführt. Sein Fazit: Verbote allein erzeugen Widerstand und heimliche Nutzung. Wer Kinder und Jugendliche begleitet, ihnen erklärt, wie Plattformen funktionieren und welche Mechanismen Aufmerksamkeit und Sucht erzeugen, erzielt nachhaltige Wirkung. „Wer die Kinder allein lässt mit den Verlockungen von Social Media, verliert sie“, betont Buschmann.
Die EU-Kommission bestätigt offiziell einen Verstoß von TikTok gegen den Digital Services Act. Kritisiert werden Funktionen wie endloses Scrollen, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und personalisierte Empfehlungssysteme, die Kinder und Jugendliche nicht ausreichend schützen. Buschmann beobachtet in seiner Beratung regelmäßig Jugendliche, die mehr als 40 Stunden pro Woche auf TikTok oder WhatsApp verbringen. „Das entspricht einem Vollzeitjob und hat mit einer normalen Kindheit nichts mehr zu tun“, sagt er. Die Jugendlichen seien dabei nicht willensschwach, sondern reagieren auf Systeme, die gezielt auf Aufmerksamkeit und emotionale Bindung ausgelegt sind.
Verbote allein helfen laut Buschmann nicht: „Auch beim Alkohol schützt ein Verbot Minderjährige nicht automatisch. Ähnlich ist es in der digitalen Welt. Klare Regeln müssen durch Aufklärung, Begleitung und Medienkompetenz ergänzt werden.“ Kinder und Jugendliche müssten verstehen, wie Apps funktionieren und warum sie sich nur schwer davon lösen können. Eltern wiederum benötigten mehr Wissen, um ihre Kinder zu begleiten, statt Schuldgefühle zu entwickeln. So entstehe weniger Machtkampf, sondern konstruktive Reflexion und nachhaltige Mediennutzung.
Die Entscheidung der EU-Kommission sieht Buschmann als klares Signal zum Handeln. „Es geht nicht um Aktionismus oder pauschale Verbote, sondern um kluge Regulierung und nachhaltige Medienbildung. Kinder schützt man, indem man ihnen hilft zu verstehen – und Eltern stärkt man, wenn man sie begleitet, statt zu verurteilen.“
Über Florian Buschmann: Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Experte für Medienabhängigkeit. Mit seiner Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er jährlich über 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen, begleitet Familien bei kritischer oder krankhafter Mediennutzung und unterstützt Kinder und Jugendliche bei der Rückgewinnung gesunder digitaler und analoger Lebensweisen.

