Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen bedrohen Patientenversorgung

Physio-Balance Foto: IFK

Fast jede zweite Krankenkasse hat zum Jahreswechsel ihre Beiträge erhöht. Im Schnitt liegt der Beitragssatz aktuell bei 17,5 Prozent – und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Laut Prognosen renommierter Institute müssen Versicherte der gesetzlichen Krankenkasse bis 2035 mit einem Anstieg auf über 20 Prozent rechnen, wenn sich die Finanzlage der GKV bis dahin nicht entspannt.

Aus diesem Grund hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag die Einberufung der sogenannten FinanzKommission Gesundheit angekündigt. Diese soll bis Ende März 2026 erste Maßnahmenvorschläge zur Stabilisierung der Beitragssätze vorlegen.

Der Bundesverband deutscher Physiotherapeuten – IFK e. V. mahnt jedoch, die Finanzsituation nicht mit Methoden lösen zu wollen, die schon vor Jahrzehnten nicht funktioniert haben. Andernfalls drohe eine Gefährdung der Gesundheitsversorgung.

Vorschläge der Krankenkassen und ihre Folgen

Die GKV befindet sich aktuell in einer schweren, andauernden Krise, weil sie immer höhere Ausgaben stemmen muss – eine Beitragsexplosion in der gesetzlichen Krankenversicherung ist die Folge.

Der GKV-Spitzenverband und der Verband der Ersatzkassen fordern daher beispielsweise, die Krankenkassenausgaben stärker an die Einnahmen zu koppeln. Das würde bedeuten, dass die Kassen nicht mehr ausgeben müssen beziehungsweise dürfen, als sie durch die aktuellen Beiträge der Versicherten einnehmen.

Auch die sogenannte Grundlohnsummenbindung bringen einige Akteure wieder ins Gespräch. Vereinfacht gesagt bedeutet dies: Steigen die Löhne der gesetzlich Versicherten in Deutschland im Durchschnitt um 3 Prozent, dürften auch die Vergütungen für Physiotherapeuten nur maximal um diesen Prozentsatz erhöht werden.

„Diesen Mechanismus hatten wir in der Vergangenheit und er hat dafür gesorgt, dass sich die Gehälter in der Physiotherapie deutlich schlechter entwickelt haben als im Durchschnitt. Dadurch kämpft dieser Beruf seit jeher mit Nachwuchsproblemen“, ordnet Ute Repschläger, Vorstandsvorsitzende des IFK, das Thema ein.

Der IFK setzt sich seit seiner Gründung für eine angemessene und leistungsgerechte Vergütung physiotherapeutischer Leistungen ein, die eine wirtschaftliche Praxisführung ermöglicht.

De facto würde eine Rückkehr zur Grundlohnsummenbindung schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, betont Repschläger:

„Der Fachkräftemangel würde weiter vorangetrieben und in der Folge zu noch größeren Versorgungslücken führen. Kurzfristig resultieren daraus längere Wartezeiten für Patienten, langfristig belastet dies das gesamte Gesundheitssystem.“

Kommt es zu einer physiotherapeutischen Unterversorgung, bleiben gesundheitliche Beschwerden häufig unbehandelt oder werden zu spät therapiert. Die Folge sind häufig kostenintensivere und risikoreichere Maßnahmen wie chirurgische Eingriffe.

Risiken durch Leistungskürzungen

Die von Krankenkassen geforderten Leistungskürzungen hält die IFK-Vorstandsvorsitzende für kontraproduktiv.

„Wenn Krankenkassen bestimmte Therapien nicht mehr bezahlen, um zu sparen, haben betroffene Patienten schlichtweg keinen Zugang mehr zur nötigen Versorgung.“

Auch die Kürzung von Therapiezeiten oder Behandlungseinheiten hätte ähnliche Folgen.

Als Beispiel nennt Repschläger den Kreuzbandriss. Ärzte behandeln ihn in der Regel operativ durch eine Kreuzbandplastik und begleiten die Rehabilitation anschließend mit einem mehrstufigen physiotherapeutischen Prozess, um die volle Funktionsfähigkeit wiederherzustellen.

Fallen Behandlungseinheiten weg oder werden sie reduziert, leidet die engmaschige Betreuung und der notwendige Muskelaufbau. Das Risiko eines erneuten Risses steigt, ebenso die Gefahr einer frühzeitigen Arthroseentwicklung und chronischer Schmerzen.

„Dieser Leidensprozess hat nicht nur Krankschreibungen zur Folge, sondern auch weitere Kosten durch Operationen, Schmerzmittel und Ausfallzeiten“, verdeutlicht Repschläger, die selbst praktizierende Physiotherapeutin ist.

Kurz gesagt: Spart man an dieser Stelle, steigen die Kosten in anderen Bereichen.

Zukunftsfeste Versorgung durch Strukturreformen

„Um unsere Versorgung zukunftsfest zu machen, müssen wir sie umstrukturieren und modernisieren“, fordert IFK-Vorstandsvorsitzende Repschläger.

„Hierfür müssen wir nicht bei null anfangen, sondern können unsere vorhandenen Ressourcen besser nutzen und umverteilen.“

Ein zentraler Ansatz ist eine bessere Abstimmung der verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen. Ein optimierter Informationsaustausch ermöglicht es, relevante Daten schneller zu teilen, Behandlungsziele besser abzustimmen und Maßnahmen enger miteinander zu verzahnen.

„Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass wir verbindliche Regeln brauchen, damit berufsübergreifende Zusammenarbeit funktioniert. Auf freiwilliger Basis wird das nicht flächendeckend klappen“, erklärt Repschläger.

Auch Heilmittelerbringern künftig die Möglichkeit zu geben, selbst Verordnungen auszustellen, könnte zu einer effizienteren Nutzung der vorhandenen Ressourcen führen. Dann müssten Patienten das notwendige Rezept nicht mehr beim Hausarzt einholen.

Appell für gemeinsame Lösungen

„Alle Leistungserbringer – auch wir als Physiotherapeuten – sollten bei den anstehenden Veränderungen und uns betreffenden Themen mitreden, mitgestalten und unsere Expertise einbringen dürfen“, appelliert Repschläger. Nur wenn alle Bereiche des Gesundheitswesens an einem Strang ziehen, können sie heute den Grundstein für eine gute und nachhaltige Versorgung von morgen legen.

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