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Radikaler Wandel beginnt im Kopf

Foto: Walter Sauter (POW)

Rund 120 Zuhörer bei KLB-Gesprächsabend „Land – Klima – Wohin in Unterfranken?“ – Professor Terhorst: Boden ist „absolut schützenswertes Gut“ – Keine Fronten zwischen Stadt und Land aufbauen

Zu mehr Dialog und gegenseitigen Respekt haben die Teilnehmer und Referentinnen beim Gesprächsabend zum Thema „Land – Klima – Wohin in Unterfranken?“ am Sonntag, 2. Februar, im Hubertushof in Fährbrück aufgerufen. Dabei hatten sie vor allem Verbraucher und Landwirte, aber auch Politik, Schulen sowie Wissenschaft und Behörden im Blick. „Die Kluft zwischen Stadt und Land darf nicht noch größer werden“, forderte Dr. Kirsten Bähr vom Verbraucherservice Bayern. Es gehe darum, nicht noch weiter Fronten aufzubauen, sondern sich gegenseitig zuzuhören und miteinander zu reden. Das könne nur in einem gesamtgesellschaftlichen Prozess gelingen, so der Tenor der Veranstaltung. Veranstalter war der Diözesanverband der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) in Kooperation mit der Katholischen Landjugend (KLJB) und dem Lernwerk Volkersberg.

„Wir brauchen einen radikalen Wandel, und der fängt im Kopf an“, betonte Moderator Dr. Wolfgang Meyer zu Brickwedde. Diesem Umdenken müsse dann auch entsprechendes Handeln folgen. Doch das ging den rund 120 Besuchern zu langsam. In der lebhaften Debatte wurden Erfahrungen und Überlegungen ausgetauscht. Am Ende waren sich alle einig, dass vor allem die Politik gefordert ist. Die Geographin Professor Dr. Birgit Terhorst von der Universität Würzburg brachte es so auf den Punkt: „Um die komplexen Fragen bei der künftigen Nutzung unseres Bodens zu lösen, brauchen wir überregionale Konzepte.“ Dafür könnte auch die jetzt von der Regierung zugesagte eine Milliarde Euro für die Landwirte genutzt werden.

„Ohne Boden sind wir bodenlos“, betonte Terhorst in ihrem Vortrag. Sie bezeichnete den Boden als „absolut schützenswertes Gut“ und Bodenschutz als das „A und O“. Denn bereits seit 7000 Jahren gestalte die Landwirtschaft den Boden massiv um. Heute kämen neben den Auswirkungen des Klimawandels noch die Technisierung und der Siedlungsdruck dazu. Jeden Tag werde allein in Bayern eine Fläche von zwölf Hektar zugebaut, was etwa 15 Fußballfeldern entspricht. „Die landwirtschaftliche Fläche wird immer kleiner, aber wir holen immer mehr aus den Böden heraus.“ Und das, obwohl sich vielerorts die Bodenschicht verkürze, was vielfältige Auswirkungen habe, wie etwa für die Speicherung von Wasser im Boden.

Durch Starkregen ausgelöste Überschwemmungen und Rutschungen habe es in den vergangenen Jahren auch immer wieder in Unterfranken gegeben. In diesem Zusammenhang monierte die Bodenkundlerin das fehlende Interesse von Ämtern an Forschungsergebnissen aus der Wissenschaft. So gebe es von Geographen erstellte Karten, in denen von Erdrutschen besonders gefährdete Gebiete verzeichnet sind. „Die will aber niemand. Ämter sind an wissenschaftlichen Ergebnissen oft nur interessiert, wenn sie Geld bringen“, erklärte sie.

Andere Erfahrungen hat die Wissenschaftlerin mit Landwirten gemacht. Bei einem mit EU-Mitteln geförderten Projekt zur Messung von Bodenfeuchte berichtete sie vom großen Entgegenkommen der Bauern, auf ihrem Land Bohrungen zuzulassen. Zudem gebe es viel wertvolles Erfahrungswissen bei den Landwirten, „was in keiner Datenbank erfasst ist. Das ist ein ganz neuer Ansatz in der Wissenschaft, der mich sehr motiviert.“ Für die Erstellung von Prognosen fehlten insbesondere regionale und lokale Daten. Diese seien aber wichtig, um das komplexe System aus Boden und Umwelt besser zu verstehen und daraus aussagekräftige Prognosen entwickeln zu können.

In der Aussprache wurde unter anderem auch über die Absenkung des Grundwassers debattiert. Vor allem an den Brunnenbohrungen zum Beispiel von Gemüseanbauern gab es deutliche Kritik. „Das Grundwasser wird mit Füßen getreten“, sagte ein Besucher. Er verwies auf Auswirkungen im Gramschatzer Wald, wo viele alte Bäume der Dürre und dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen seien. „Die Grundwasserentnahme ist enorm“, bestätigte Terhorst. Vor allem Wälder seien gefährdet, in manchen Gebieten „scheinen heute schon die Kipppunkte erreicht“, bei denen Veränderungen nicht mehr umkehrbar sind.

Verbraucher müssten bereit sein, mehr für gesunde und regionale Lebensmittel zu bezahlen, so eine weitere Forderung an diesem Abend. „Billig und gut geht nicht“, sagte eine Teilnehmerin. Es sei eine höhere Wertschätzung von Lebensmitteln notwendig, die in den Supermärkten „nicht verramscht werden“ dürften. Auch Schulen und Kindergärten seien gefordert, mehr Bewusstsein zu schaffen, was Kirsten Bähr als „große Chance“ bezeichnete. Es seien schon jetzt viele Menschen auf dem Weg, aber es gehe oft nur „Tröpfchen für Tröpfchen“.

Den musikalischen Rahmen gestaltete der mainfränkische Barde Johannes Wohlfahrt, der etwa ein Lied über die Klimaerwärmung und ihre möglichen Auswirkungen in Unterfranken zum Besten gab. „Oliven im Spessart, Ananas in der Rhön“, lautete sein nicht ganz ernst gemeinter Refrain.

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