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Offene Diskussion statt Schweigen: Lesung mit Ira Peter im Gut Deutschhof

Foto: Marc Hanson

Im Saal des Guts Deutschhof wurde ein Abend voller persönlicher Erinnerungen, historischer Einordnung und lebhafter Diskussion geboten. Oberbürgermeister-Kandidat Ralf Hofmann hatte zur Lesung mit der russlanddeutschen Autorin Ira Peter eingeladen. Sie stellte ihr Buch „Nicht deutsch genug?“ vor – eine eindringliche Auseinandersetzung mit Identität, Ausgrenzung und Integration.

Rund 2,4 Millionen sogenannte Russlanddeutsche kamen Anfang der 1990er-Jahre aus den Nachfolgestaaten der zerfallenen Sowjetunion nach Deutschland. Viele von ihnen fühlten sich – wie Peter es beschreibt – als Außenseiter in der alten und in der neuen Heimat zugleich.

Zwischen Kasachstan und Deutschland: Eine Kindheit bei minus 35 Grad

Nach einer Kindheit in Kasachstan liege ihre „Wohlfühltemperatur noch immer bei minus 35 Grad Celsius“, erzählte Peter augenzwinkernd. Das Publikum reagierte mit wissendem Lächeln – viele Anwesende teilten ähnliche Erfahrungen.

So berichtete sie etwa, dass ihre Familie Reisigbesen nach Deutschland mitgebracht habe, in der festen Überzeugung, nirgendwo sonst gebe es so gute wie in Kasachstan. Kleine Anekdoten wie diese machten die Lesung nahbar – und zeigten zugleich die Unsicherheit vieler Familien beim Neuanfang.

„Nicht deutsch genug?“ – Zwischen Verfolgung und Zweifel

Im Zentrum des Abends stand die titelgebende Frage ihres Buches: Waren Deutsche in der Sowjetunion einst Diskriminierung und Repression ausgesetzt, galten sie in Deutschland plötzlich als „nicht deutsch genug“.

Peter schilderte eindrücklich ihre Schulzeit am Gymnasium. Umgeben von Akademikerkindern verschwieg sie lange, dass ihre Mutter vier Putzstellen gleichzeitig angenommen hatte, weil ihre Berufsabschlüsse nicht anerkannt wurden. Scham, soziale Unsicherheit und fehlende Förderangebote seien prägende Erfahrungen vieler Zugewanderter gewesen.

Die mangelnde Integrationsförderung – etwa durch gezielte Weiterbildung – ziehe sich wie ein roter Faden durch die bundesrepublikanische Geschichte, betonte die Autorin. Ähnliche Versäumnisse habe es bereits bei Vertriebenen und sogenannten Gastarbeitern gegeben.

Dialog statt Lesung: Persönliche Parallelen

Durch den Abend führte Moderatorin Ella Schindler, die selbst im gleichen Jahr wie Peter als Jugendliche aus der Ukraine nach Deutschland kam. Statt einer klassischen Lesung entwickelte sich ein lebendiger Dialog, in dem persönliche Erinnerungen und gesellschaftliche Fragen miteinander verwoben wurden.

Diese Gesprächsform öffnete Raum für Identifikation – und für eine offene Diskussion im Publikum.

Vielfalt statt Klischees: Wer sind „die“ Russlanddeutschen?

Peter machte deutlich: „Die“ Russlanddeutschen gebe es nicht. Zu unterschiedlich seien Herkunftsregionen, religiöse Prägungen und individuelle Migrationsgeschichten.

Sie widersprach zudem dem verbreiteten Klischee, Russlanddeutsche seien pauschal anfällig für russische Propaganda oder stünden Geflüchteten aus der Ukraine ablehnend gegenüber. Gerade wegen der Vielfalt innerhalb der Community gebe es zahlreiche Initiativen, die sich aktiv in der Ukrainehilfe engagierten.

Ein gemeinsames politisches Auftreten scheitere häufig auch an einer historisch gewachsenen Zurückhaltung, offen über Politik zu sprechen – ein Erbe aus Sowjetzeiten.

Sichtbarkeit schaffen: Ein Auftrag an die Stadtgesellschaft

Gastgeber Ralf Hofmann zog zum Abschluss ein persönliches Fazit. Die gesamte Stadtgesellschaft habe die Aufgabe, Sichtbarkeit zu schaffen. Ohne Kenntnis der „doppelten Kränkungserfahrungen“ vieler Zugewanderter aus der ehemaligen Sowjetunion könne kein echtes Verständnis entstehen.

Gleichzeitig gebe es zahlreiche private und berufliche Erfolgsgeschichten von Aussiedlerinnen und Aussiedlern – Geschichten, die häufiger erzählt werden müssten.

Der Abend im Gut Deutschhof zeigte eindrucksvoll: Offene Diskussion kann Schweigen brechen – und Brücken bauen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen.

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