Ein tiefer Theater-Tauchgang am Schönborn-Gymnasium: „Veronika beschließt zu sterben“

Veronika (Mia-Lou Müller, 2. von links) wacht nach gescheitertem Suizid-Versuch in einer psychiatrischen Klinik auf. Das medizinische Personal (Lena Wachsmann, Sarah Schlegelmilch, Alissa Fenner, von links) hat alle Hände voll zu tun, die Patientin zu beruhigen. Foto: Daniel Karch

Verletzliche Personen in einer verletzlichen Welt

Das Schönborn-Gymnasium Münnerstadt begeistert mit „Veronika beschließt zu sterben“ – eine intensive Theateradaption

Ein Stück über den Sinn des Lebens, über Verletzlichkeit, psychische Krisen und die Kraft menschlicher Nähe: Die Theatergruppe des Schönborn-Gymnasiums Münnerstadt bringt unter der Regie von OStR Ralf Hartmann Hakon Hirzenbergers Bühnenfassung von Paulo Coelhos Erfolgsroman „Veronika beschließt zu sterben“ auf die Bühne – und das mit großer Wucht und beeindruckender Reife.

Eine existenzielle Reise beginnt

Im Mittelpunkt steht Veronika (ausdrucksstark und intensiv gespielt von Mia Lou Müller), eine junge Frau, die beschließt, ihrem Leben ein Ende zu setzen – leer, entfremdet, abgestumpft. Der Selbstmordversuch misslingt. Sie erwacht in einer psychiatrischen Anstalt und erfährt: Sie habe nur noch fünf Tage zu leben – ihr Herz sei durch die Tabletten irreparabel geschädigt.

Was sie nicht weiß: Die Diagnose ist eine bewusste Täuschung. Chefärztin Dr. Igor (vielschichtig und sensibel gespielt von Shyna Mehra) will Veronika mit der Aussicht auf den Tod dazu bringen, das Leben wieder zu schätzen. Ein riskantes Experiment beginnt – mit ethisch hochbrisanten Fragen.

Zwischen Wahnsinn und Wahrhaftigkeit

Die Inszenierung bewegt sich auf mehreren Ebenen:

  • Psychologisch: Veronikas Reise von der inneren Leere zur Wiederentdeckung von Empathie und Lebenslust.

  • Gesellschaftlich: Die Frage, wie brüchig Lebenswillen und seelische Stabilität in einer von Überforderung und Kälte geprägten Welt sind.

  • Kritisch-medizinisch: Ein Nachdenken über Machtmissbrauch in therapeutischen Systemen – dürfen Ärzte „Gott spielen“?

Figuren voller Widerspruch und Tiefe

Die Darstellung von Dr. Igor – nicht als klassischer Machtmensch, sondern als zweifelnde, fast erschöpfte Figur – ist ein Geniestreich der Regie. Shyna Mehra gelingt es, Stärke und Unsicherheit gleichzeitig sichtbar zu machen. In einem Nebenstrang sucht sie Nähe in käuflicher Liebe – ein berührender Spiegel zu Veronikas Einsamkeit.

Mia Lou Müller als Veronika liefert eine vielschichtige, glaubhafte Darstellung einer verlorenen Seele, die langsam auftaut. Mit Fabienne Trautmann als mystisch-starker Mari und Mena Wüst als zart-melancholischer Eduard entwickelt sich ein feinfühliges Trio, das zwischen Isolation und Hoffnung oszilliert. Eduard – ein Künstler im Rollstuhl – wird zur Schlüsselfigur: Mena Wüst spielt mit einer stillen, eindrucksvollen Präsenz, der man sich kaum entziehen kann.

Ensemble mit Ensemblekraft

Auch die Nebenrollen tragen das Stück mit. Etwa Lina Johannes und Sophia Schlegelmilch als das Zwillingspaar Mari und Zedka – flirrend, feengleich, verstörend. Oder Emilia Karch, deren körperbetonte Darstellung eines zwangsgestörten Patienten Gänsehaut erzeugt. Jeder Satz, jede Bewegung sitzt. Sebastian Eisenmann brilliert in einer Szene der Selbstverletzung, während Emil Freking als intellektuell-verschrobener Heinrich eine Hommage an „Einer flog über das Kuckucksnest“ liefert – mit Bibelzitaten und „Faust“-Passagen als Rückzugsort vor der Wirklichkeit.

Auch das Klinikpersonal (überzeugend gespielt von Sarah Schlegelmilch, Lena Wachsmann, Alisa Fenner, Hannes Lange und Benjamin Barth) ist mehr als Staffage. Es wird zum stillen Spiegel für die Brüche im System.

Bühne, Raum, Wirkung

Die Inszenierung lebt nicht nur von den starken Darsteller:innen, sondern auch von klugen Regieeinfällen: etwa wenn Veronikas innere Alpträume von stummen Figuren körperlich dargestellt werden. Der Bühnenraum ist dynamisch gegliedert – in Haupt- und zwei Seitenschauplätze – was fließende Szenenwechsel ermöglicht.

Fazit: Ein Bühnenereignis mit Tiefgang

Mit „Veronika beschließt zu sterben“ ist der Theatergruppe ein beeindruckender Wurf gelungen. Eine einzige Aufführung ist eigentlich zu wenig für diese klug durchdachte, emotional tiefgehende Inszenierung. Der langanhaltende Applaus der vollbesetzten Aula war hochverdient – und unterstrich: Theater an Schulen kann viel mehr sein als bloßes Spiel. Es kann berühren, herausfordern, verändern.

Die selbstbewusste Mia (Fabienne Trautmann, links) schafft es, Veronikas (Mia-Lou Müller) Vertrauen in der Anstalt zu gewinnen.
Foto: Daniel Karch

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