Niederwerrn (red). Schon die Römer kannten es und auch die Wikinger spielten es: Mühle. Am Kaiserstuhl von Karl dem Großen ist ein Mühlespiel eingraviert, was auf die alte Tradition hinweist. Auch in Franken wurde Mühle seit Urzeiten gespielt, weshalb es als „Spiel der Franken“ gilt. Und tatsächlich gehörte es über Generationen hinweg in vielen Familien einfach dazu: das Mühlespiel. Väter, Großmütter, Kinder – fast jeder hat es irgendwann gespielt. Nun bekommt das wohl älteste Spiel der Welt erstmals in seiner fränkischen Heimat eine nationale Bühne: Am Samstag, 4. Juli, findet in der „Neuen Mitte“ in Niederwerrn die erste Deutsche Mühlemeisterschaft statt. Beginn ist um 10 Uhr.
Spielgeschichte hautnah
Was jahrhundertelang als Zeitvertreib galt, hat sich längst zu einem ernsthaften Strategiespiel entwickelt. Einmal im Jahr treffen sich die besten Spieler Europas zur Europameisterschaft – in diesem Jahr im Mai in Passau. Ende der 1980er Jahre gab es in Großbritannien sogar Weltmeisterschaften. Legendär ist der kleine Ort Hutten-Le-Hole in der Grafschaft Yorkshire: Mit rund 1000 Einwohnern spielte dort einst nahezu das ganze Dorf Mühle. Mit der Zeit ist diese Tradition jedoch eingeschlafen.
Initiator der Premiere in Niederwerrn ist Thomas Hehn. Der 61. der Weltrangliste – bei 1000 registrierten Mühlespielern weltweit – spielt seit seiner Kindheit Mühle. Für die Deutsche Meisterschaft haben 21 nationale und internationale Spitzenspieler zugesagt, vor allem aus der Schweiz, Ungarn und der Slowakei. Mit dabei sind u. a. der Weltranglistenerste und Großmeister György Bandy aus Ungarn sowie dessen Landsmann Ferenc Volman. Auch der beste deutsche Spieler ist mit dabei: Großmeister Karlheinz Andraschko aus Eggenfelden, derzeit Fünfter der Weltrangliste. Zum Zuschauen sei das Turnier auch deshalb interessant, weil es schnell geht. Das sei anders als beim Schach, wo eine einzige Partie sich über viele Stunden hinziehen kann.
Unterstützt wird das Turnier von der Gemeinde Niederwerrn, die auch einen finanziellen Beitrag leistet. Die Begeisterung vor Ort ist groß. Der neue Bürgermeister beziehungsweise die neue Bürgermeisterin wird die Veranstaltung mit einer Ansprache eröffnen. Bei entsprechendem Erfolg soll die Meisterschaft in zwei Jahren erneut ausgetragen werden.
Spiel auf hohem Niveau
Thomas Hehn, gelernter Heilpädagoge und nach einem Unfall heute Frührentner, weiß aus eigener Erfahrung, wie anspruchsvoll das Spiel auf hohem Niveau ist. „Mühle ist genauso anstrengend wie Schach“, sagt er. In Rumänien werde es sogar in Schulen unterrichtet. Die strategischen Möglichkeiten seien enorm: Ein erfahrener Spieler lässt seinem Gegner mitunter bewusst vier Steine – denn mit nur drei darf dieser springen und kann das Spiel noch wenden. Auch vermeintlich klassische Eröffnungen, etwa ganz außen zu beginnen und diagonal zu setzen, führen meist in die Niederlage. In Niederwerrn war man von der Idee sofort begeistert. Zuschauer sind herzlich willkommen, wenn die 21 besten Spieler aus Deutschland und Europa gegeneinander antreten. Gespielt wird an zehn Brettern, jede Partie ist auf 16 Minuten begrenzt. Im Modus „Jeder gegen jeden“ bestreitet jeder Teilnehmer insgesamt 40 Spiele.
Abseits des Turniers lebt das Mühlespiel in der Gemeinde: Trainiert wird nicht nur in der „Neuen Mitte“, sondern ebenso im Café Vorndran oder bei Papperts am Hainig. Mit der ersten Deutschen Mühlemeisterschaft rückt Niederwerrn nun ins Zentrum einer traditionsreichen Spielkultur – und zeigt, dass das älteste Spiel der Welt nichts von seiner Faszination verloren hat.

